Donnerstag, 20. Juni 2024

Der schmale Grat zwischen Nähe und Distanz

BBS Marienhain legt bei Ausbildung Wert auf Präventionsschulung

Es ist wohl eher selten, dass Schüler um Zusatzstunden und Unterrichtsinhalte bitten, die gar nicht auf dem Stundenplan stehen. Und dafür auch bereit sind, zusätzlich in die Schule zu kommen. In der BBS Marienhain passiert genau das. Es sind angehende sozialpädagogische Assistentinnen, und sie interessieren sich für schwere Kost: Prävention – die Verhinderung sexuellen Missbrauchs.


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Renate Veltmann und Luzia Ries-Kattinger
© Heuer

Das Thema gehöre zum Stoff in der berufsbegleitenden Ausbildung der Quereinsteigerinnen, erklären Renate Veltmann und Luzia Ries-Kattinger. Die beiden Lehrkräfte unterrichten die Klasse. Ihre Schülerinnen sind keine jungen Mädchen, sondern Frauen, die schon viele Jahre andere Berufe ausgeübt haben und jetzt was Neues machen wollen. Sie haben entsprechend Lebenserfahrung. Vielleicht ist das Grund, warum sie beim Thema Prävention so hellhörig sind. Vorgesehen waren sechs Stunden Basisschulung. Ist es in Ordnung, wenn ich einem Kind über den Kopf streichle oder es in den Arm nehmen? Wo möchte ich mich selbst berühren lassen und wo nicht? Wo beginnt eine Grenzverletzung? Was ist die richtige Kleidung für welchen Anlass? Kleine Alltagsfragen. Letztendlich geht es aber um das große Thema Nähe und Distanz.

Das Problembewusstsein ist bei 30- oder 40-jährigen Schülerinnen viel größer als bei 20-jährigen, erleben es Veltmann und Ries-Kattinger. „Unsere Schülerinnen sind hochsensibel für dieses Thema und haben konkrete Fragen. Vielleicht auch, weil einzelne schon eigene Erfahrungen gemacht haben. Außerdem haben viele von ihnen Kinder,“ meint Ries-Kattinger. Auf Wunsch der Gruppe entstand aus der Basisschulung ein Halbjahreskurs. Fehlzeiten gibt es trotz Beruf und Familie kaum, selbst die Kurszeit am späten Dienstagnachmittag schreckt niemand ab. „In Absprache mit der Schulleitung haben wir dieses Zusatzmodul angeboten“, sagt Veltmann. Die Schülerinnen bekommen dafür ein Zertifikat und müssen später von ihrem Arbeitgeber nicht mehr für eine Schulung freigestellt werden. In der letzten Stunde hatte sie mit der Klasse Schutzkonzepte der Einrichtungen besprochen, heute stehen Präventionsbroschüren und die Analyse von Kinderbüchern auf dem Programm. Vor einigen Wochen haben sie zusammen den Film „Die Odenwaldschule“ geschaut.

„Die Odenwaldschule“ hat viele erschüttert

Der Film habe sie eine Woche verfolgt. „Der war heftig,“ sagt Anika Gron. Die 29-jährige Cloppenburgerin hat ihren Friseurberuf aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Jetzt arbeitet sie in einer Kita in Cappeln und lässt sich zur sozialpädagogischen Assistentin ausbilden. „Viele Opfer von Missbrauch melden sich nicht, weil man ihnen nicht glaubt. Das ist total traumatisierend,“ hat sie gelernt. Auch ihre Mitschülerin Katerina Grundau ist tief beeindruckt von dem, was sie erfahren. Die 40jährige Garrelerin hat zwanzig Jahre als zahnmedizinische Fachangestellte gearbeitet. Jetzt ist sie Qualitätszusatzkraft in der Kita in Garrel. „Die Präventionsschulung hat meinen Blick auf Kinder total verändert“, erzählt sie. Wie schnell schaut man über die Tür in der Toilette in der Kita? Ist es schon übergriffig, einem Kind eine Mütze aufzusetzen ohne zu fragen? „Es gibt ganz viele Situationen, die man jetzt anders beurteilt.“ Kinder wüssten oft gar nicht, wenn ihnen Unrecht angetan wurde. „Ich hätte nie gedacht, dass das Thema eine so große Präsenz bei mir einnimmt,“ meint sie. „Als absolut wertvoll“ bezeichnen beide Frauen den Kurs.

Und die Lehrkräfte? Hat sich hat ihr eigener Blick auf Prävention durch den Kurs verändert? „Kann man nicht vermeiden. Man wird ja hellhörig,“ sagt Luzia Ries-Kattinger nachdenklich.

Ludger Heuer

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